Abb.: Geweihstücke des Riesenhirsches
Inventarnummer: P1, P2 und P3
Datierung: Jungpaläolithikum, 36.900 bis 32.600 v. Chr.
Fundort: Mainberg, Frankfurt-Höchst, Hessen, Deutschland
Alle Angaben ohne Gewähr.
© Verein für Geschichte und Altertumskunde e.V. Frankfurt-Höchst
Riesenhirschgeweihe aus Frankfurt-Höchst
Neue Erkenntnisse zu rätselhaften Kerbspuren.
1897 schenkte der Bauunternehmer Reinhardt Kunz dem Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V. im damaligem Höchst am Main mehrere Fragmente von Riesenhirschgeweihen. Die Fundstücke wurden vermutlich wenige Jahre zuvor bei Kanalarbeiten in Höchst am Mainberg vermutlich im Bereich des damaligen Hotels „Schöne Aussicht“, heute „Höchster Hof“, entdeckt.
1974 wurden sie im Lager des Höchster Geschichtsvereins durch das geschichtsbegeisterte Mitglied Rolf Kubon wiederentdeckt. Allerdings: Das vierte Geweihstück war verschollen und so befinden sich nur noch drei dieser Geweihfragmente in der Sammlung des Vereins (Inventar-Nr. P1–P3).
Die Fragmente stammen vom Riesenhirsch (Megaloceros giganteus), einem imposanten Vertreter der eiszeitlichen Megafauna. Das Tier erreichte eine Schulterhöhe von bis zu 2,1 Metern und eine Geweihspannweite von bis zu 4 Metern. Riesenhirsche lebten über einen Zeitraum von etwa 400.000 Jahren in Europa und Asien und starben in Mitteleuropa vor rund 12.000 Jahren aus.
Erste Spuren von Menschen?
Auffällig an den Höchster Geweihen sind zahlreiche Kerben und Riefen auf ihrer Oberfläche. In den 1970er Jahren wurden diese Spuren als Hinweise auf menschliche Bearbeitung gedeutet und als möglicher Beleg für frühe Menschen in Frankfurt-Höchst interpretiert.
Seit 2023 wurden die Geweihfragmente im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts unter der Leitung von Dr. Liane Giemsch, Kustodin am Archäologischen Museum Frankfurt, mit modernen archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden erneut untersucht. Radiokarbondatierungen ergaben ein Alter von etwa 36.900 bis 32.600 v. Chr. (calBC). Damit stammen die Funde aus der Zeit der frühesten anatomisch modernen Menschen in Mitteleuropa (Aurignacien).
Detaillierte Analysen mithilfe von Fotodokumentation, 3-D-Scans und hochauflösender Mikroskopie führten jedoch zu einer Neubewertung der Kerbspuren. Die Untersuchungen zeigen, dass die Riefen nicht durch menschliche Werkzeuge entstanden sind. Stattdessen entsprechen Form, Tiefe und Verlauf typischen Fraßspuren großer eiszeitlicher Fleischfresser, insbesondere von Hyänen, die nachweislich noch bis vor etwa 32.000 Jahren in Mitteleuropa vorkamen.
Die früher angenommene menschliche Bearbeitung der Höchster Riesenhirschgeweihe muss daher revidiert werden. Die Funde bleiben dennoch bedeutende Zeugnisse der eiszeitlichen Tierwelt im Raum Frankfurt-Höchst. Die wissenschaftlichen Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Quartär veröffentlicht.
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Literatur: Liane Giemsch, Riesenhirschgeweihe mit rätselhaften Kerbspuren. Moderne archäozoologische Untersuchungen bringen Licht ins Dunkel. Mitteilungen – Journal des hessischen Museumsverbandes 69/2025, 42–43.



© Höchster Geschichtsverein
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