Zur Geschichte des Wochenmarktes in Höchst am Main

Seit 1356 prägt der Wochenmarkt das Leben in Höchst. Dr. Wolfgang Metternich erzählt seine Geschichte: von kaiserlichen Privilegien, Mainfischern und Marktschiffen bis zum Bau der Markthalle. Ein Streifzug durch die Jahrhunderte zeigt, wie stark Handel und Stadtgeschichte miteinander verbunden sind.

Marktstand Anfang der 1960er Jahre mit Marktfrau und Marktbesuchern. Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Marktstand mit frischem Obst und Gemüse aus der Region Anfang der 1960er Jahre. © Sammlung Alfred E. Wagner.

Es geschieht nicht eben häufig, dass man ein viele Jahrhunderte zurück liegendes Ereignis auf den Tag genau datieren kann. Beim Höchster Wochenmarkt, der sich bis heute an drei Tagen in der Woche – dienstags, freitags und samstags – eines lebhaften Besuchs und eines ebenso erfreulichen Umsatzes der Markthändler erfreut, ist dies der Fall.

In einer von Kaiser Karl IV. am 12. Januar 1356 in Nürnberg zugunsten des Erzbischofs Gerlach von Mainz ausgestellten Urkunde, welche eine im Jahr zuvor in Pisa zwischen den gleichen Parteien ausgestellte Urkunde vom 11. Februar 1355 ergänzte und durch wichtige Privilegien erweiterte, war festgelegt worden, dass künftig in Höchst am Main alle Dienstage ein Wochenmarkt abgehalten werden dürfe. Der 12. Januar 1356 ist das Gründungsdatum des Höchster Wochenmarktes.

Stadtrecht allein macht noch keinen Markt

Der Hintergrund für dieses kaiserliche Privileg war natürlich die 1355 gewährte Erhebung des dem Erzbischof von Mainz gehörenden Dorfes Höchst zu einer Stadt. In dieser ersten Urkunde über die Stadterhebung war viel von Befestigungen mit Wall und Graben die Rede, auch von der Erteilung aller Rechte, welche die Stadt Frankfurt besaß, nicht jedoch von einem Wochenmarkt. Bei der Verleihung von Stadtrechten im Mittelalter war das Marktrecht keineswegs selbstverständlich mit eingeschlossen. Das gilt für Höchst genauso wie für die benachbarte große Stadt Frankfurt am Main.

Mittelalterliche Märkte fanden beileibe nicht nur in Städten statt. Auch Dörfer konnten mit Marktrecht privilegiert werden, ohne dass sie deshalb gleich zu Städten wurden.

Es gab sogar uralte Märkte, deren Ursprung bis in die Römerzeit zurückreichen konnte und für die naturgemäß eine Marktrechtsverleihung schon deshalb nie ausgesprochen wurde, weil sie schon immer da waren. Das beste Beispiel für einen solchen Markt in unserer Gegend ist der Jahrmarkt auf den Altenhöfen bei Heftrich im Taunus, der, auf dem Areal eines Römerkastells an einem Limesübergang mit zugehörigem Lagerdorf (Vicus) gelegen, von der Antike bis zum heutigen Tag abgehalten wird.

Andere Märkte konnten an wichtigen Treffpunkten, bei Kirchen und Wallfahrtsstätten oder auch bei Gerichtslinden und Treffpunkten einer Markgenossenschaft entstehen. Marktrecht und Stadtrecht bedingten sich nicht gegenseitig.

Deshalb war mit der Stadtrechtsverleihung von 1355 Höchst noch längst nicht Marktort geworden. Auch der Hinweis, dass die neue Stadt die Rechte und Freiheiten, welche die Stadt Frankfurt bereits besaß, in Anspruch nehmen durfte, besagt nichts über ein Marktrecht. Ein Marktrecht wurde auch der Stadt Frankfurt niemals verliehen, weshalb Höchst ein solches von dort auch nicht übernehmen konnte. Frankfurt am Main hatte lediglich die kaiserlichen Messeprivilegien, für die Herbstmesse von 1240 und für die Frühjahrs- oder Fastenmesse von 1330, die nicht mit dem wöchentlichen Marktrecht gleichgesetzt werden dürfen. Es bedurfte schon des Marktrechtsprivilegs in der Urkunde vom 12. Januar 1356, damit in Höchst nach Recht und Ordnung ein Markt abgehalten werden konnte.

Feste Regeln für Handel und Wandel

Ein mittelalterlicher Markt war beileibe keine Privatangelegenheit der Bauern, Fischer und Händler, die hier ihre Waren anboten. Ein Markt war ein viel zu wichtiges Element im Wirtschaftsleben einer Stadt oder einer Landschaft, als dass man ihn hätte ungeregelt lassen können. Das begann schon mit der genauen Festlegung des Markttages, mit dem man in Konkurrenz zu benachbarten Marktorten trat, was, wenn die notwendige Rechtsgrundlage fehlte, nach mittelalterlicher Art schnell zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen konnte.

Es bedurfte auch schon damals einer Marktordnung, in der peinlich genau die von Ort zu Ort unterschiedlichen Maße und Gewichte und deren Gültigkeit für den lokalen Markt festgelegt wurden. Auch die Uhrzeiten und die Dauer des Marktangebotes, selbstverständlich auch die Preisbildung, waren bis ins Detail geregelt. Eine freie und ungeregelte Marktwirtschaft kannte das Mittelalter nicht. Marktmeister, die das Marktgeschehen zu überwachen hatten, sind in Höchst ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts bezeugt.

Mainfischer zwischen Marktgebot und Konkurrenz

Zu den strengen Regelungen des Höchster Wochenmarktes zählte auch das Marktgebot für die Mainfischer. Die Höchster Fischerzunft zählte zu den ältesten gewerblichen Zünften in Höchst. Der Wochenmarkt war für die Höchster Fischer eine wichtige Absatzgelegenheit.

Der Höchster Markt wurde aber nicht nur von den Fischern aus der Stadt beschickt. Auch die Fischer aus Nied, ewige Konkurrenten und Partner der Höchster Fischer, mussten hier ihre Waren anbieten. Schon seit dem 16. Jahrhundert ist die vermutlich noch ältere Regelung bezeugt, dass die Nieder Fischer ihren Fang bis vormittags 11 Uhr auf dem Höchster Markt anzubieten hatten, bevor sie diesen andernorts zum Verkauf bringen durften.

Aber nicht nur die Nieder Fischer schauten auf das Höchster Marktgeschehen. 1677 beschwerte sich der Rat der Stadt Frankfurt bei Erzbischof Damian Hartrad von Mainz, dass in Frankfurt gefangene Fische auf dem Höchster Markt unter dem Schätzwert angeboten würden. Vermutlich waren den Frankfurter Fischern die dortigen Abgaben auf ihre Ware zu hoch, weshalb sie auf den leicht erreichbaren Höchster Markt mit seinen niedrigeren Standgebühren auswichen. Eine damals durch die Höchster Marktmeister eingeleitete Untersuchung verlief – wen wundert es bei dem immer prekären nachbarlichen Verhältnis zwischen Höchst und Frankfurt – ergebnislos.

Gerichtstage und Marktschiffe bringen Kundschaft

Höchst war schon im hohen Mittelalter ein lokales Unterzentrum im Rhein-Main-Gebiet. Das begann bereits mit dem Bau der Justinuskirche, zu deren Pfarrei auch benachbarte Orte zählten. Die Urkunde von 1356 fügte mit der Privilegierung als Gerichtsort eine weitere Zentralfunktion hinzu, die auch dem Markt und dem Wirtschaftsleben zugute kam.

Ohne dass wir Genaueres wissen, dürften zusätzlich zum Dienstag als Markttag mit der Zeit auch Kirchenfeste und Gerichtstage Anlass gegeben haben, Markt zu halten. Schließlich kamen an solchen Tagen viele Leute von auswärts in die Stadt, welche die Gelegenheit zum Warenaustausch nutzen konnten.

Im Höchster Gerichtsbuch von 1441, das bis 1504 geführt wurde, ist in der Regel der Montag, vereinzelt auch der Mittwoch, als Gerichtstag benannt. Aus den Gerichtsprotokollen geht hervor, dass diese Gerichtstage von den Bewohnern der Dörfer rund um Höchst – Sindlingen, Zeilsheim, Kriftel, Liederbach, Sossenheim, Bredeloch (untergegangenes Dorf zwischen Sossenheim und Rödelheim), Nied und Griesheim – besucht wurden.

Um 1450 ist dann auch das Marktschiff zwischen Frankfurt und Mainz nachweisbar. Durch diesen Schiffsverkehr auf dem Main dürfte der Höchster Markt wesentliche Impulse erhalten haben. Täglich kamen zwei Schiffe – eines von Frankfurt und eines von Mainz – nach Höchst, wo sie sich um die Mittagszeit während einer Pause von etwa vier Stunden trafen. Diese Zeit wurde, wie uns Albrecht Dürer in dem Tagebuch seiner „Niederländischen Reise“ anschaulich berichtet, genutzt, um in Höchst Zoll von den geladenen Waren zu erheben und ein ausgiebiges Mittagsmahl zu halten.

Da die von Frankfurt bzw. Mainz kommenden Waren auf das andere, wieder an den Ausgangsort zurückfahrende Schiff umgeladen werden mussten, bot sich Gelegenheit, diese während der langen Mittagspause in Höchst feilzubieten. Der Name „Marktschiff“ kam sicher nicht von ungefähr.

Ankunft eines Marktschiffes in Höchst am Main, geschätzt 1850. Vermutlich geschaffen von August Gottschalk.

Ankunft eines Marktschiffes in Höchst am Main, geschätzt 1850. © Schenkung Familie Lunkenheimer an den Verein für Geschichte und Altertumskunde e. V., Frankfurt-Höchst. Bislang unveröffentlichte Aufnahme.

Das Marktschiff, das von Johann Wolfgang Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ liebevoll und ausführlich geschildert wird, verkehrte mindestens vom 15. Jahrhundert bis zum Aufkommen der Dampfschifffahrt auf dem Main ab 1838 zwischen Frankfurt und Mainz. Das Marktschiff war in der Tat mit besonderen Rechten ausgestattet. Goethe schrieb:

„Eine der unschuldigsten und zugleich unterhaltendsten Lustpartien, die ich mit verschiedenen Gesellschaften junger Leute unternahm, war, daß wir uns in das Höchster Marktschiff setzten, die darin eingepackten seltsamen Passagiere beobachteten und uns bald mit diesem bald mit jenem, wie uns Lust oder Mutwille trieb, scherzhaft und neckend einließen.“

Auf der Suche nach den frühen Marktplätzen

Zu sehen ist der Hauptstrasse in Hoechst am Main um 1880 - an der Stelle, wo der Höchster Wochenmarkt immer freitags stattfand. Historische Postkarte. Exemplar im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e.V. Frankfurt-Höchst.

Die Hauptstraße in Hoechst am Main um 1880 Ecke Storchgasse.

Wo aber wurde der Markt in Höchst eigentlich abgehalten? Der heutige Marktplatz scheidet von vornherein aus, da er auf dem Areal des ehemaligen Stadtgrabens liegt und erst nach dem 1. Weltkrieg eingerichtet wurde. Vorher lag der Markt an der „Straß“, der Bolongarostraße, bis 1928 Hauptstraße, vor dem Antoniterkloster. Die Verbreiterung der Bolongarostraße an dieser Stelle ist in der Bebauung und im Stadtplan noch heute unverfälscht wahrzunehmen. Zumindest vom 18. Jahrhundert bis 1923 ist der Höchster Markt an dieser Stelle bezeugt.

Diese Verbreiterung der alten Hauptstraße für die Zwecke des Höchster Wochenmarktes datiert in die letzte Stadterweiterung am Ende des 15. Jahrhunderts und dürfte sich bis ins 16. Jahrhundert, als entlang des neuen Marktplatzes 1518 das Antoniterhospital, 1577 das Kronberger Haus und 1586 der Konventbau der Antoniter errichtet wurden, hingezogen haben. Seit dem 16. Jahrhundert dürfte der Höchster Markt vor dem Antoniterkloster abgehalten worden sein.

Zu sehen ist der alte Höchster Marktplatz um 1900 mit Marktständen vor dem Antoniterkloster in der ehemaligen Hauptstrasse, der heutigen Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst. Historische Postkarte. Exemplar im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e.V. Frankfurt-Höchst.

Der Markt auf der Hauptstraße – der heutigen Bolongarostraße – um 1900.

Wo aber fand der auf den Dienstag festgesetzte Wochenmarkt von 1356 statt? Platz hierfür gab es reichlich, denn Höchst war zum Zeitpunkt der Stadterhebung nur sehr locker bebaut. In Frage kommen wiederum ein Platz an der Hauptstraße, der damals noch völlig anders aussehende Höchster Schlossplatz und der Platz vor dem Rathaus. Entlang der Hauptstraße gab es damals noch genügend Baulücken, um die vielleicht zehn Stände, die damals allenfalls den Markt ausmachten, aufzunehmen. Im Jahr 1570 wird in Höchst ein Haus „Zum Engel“ bei der Linde auf dem Markt erwähnt. Wo dieser Markt sich befand, ist zurzeit nicht zu ermitteln.

Mit dem Verkehr des Marktschiffes ab ca. 1450 dürften aber auch der vom Main gut zu erreichende Schlossplatz, für schwerere Güter auch das Mainufer am Zolltor selbst, zeitweise als Markt genutzt worden sein. Auf dem Schlossplatz stand allerdings nur die Hälfte der heutigen Fläche zur Verfügung, die gesamte Westhälfte gehörte zum Areal der Burg, womit die Nutzung für einen kommunalen Markt ausgeschlossen gewesen sein dürfte.

Zu sehen ist der alte Höchster Marktplatz zwischen 1900 und 1914 mit Marktständen vor dem Antoniterkloster in der ehemaligen Hauptstrasse, der heutigen Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst. Historische Postkarte. Exemplar im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e.V. Frankfurt-Höchst.

Reges Markttreiben zwischen Badstubengasse und Mainberg vor dem 1. Weltkrieg.

In vielen Städten sind Markt und Rathaus sowohl räumlich wie funktional eng miteinander verbunden. Wo das älteste Rathaus von Höchst stand, ist nicht gesichert. Alle Indizien sprechen aber dafür, dass dieses Rathaus, das beim Stadtbrand von 1586 vernichtet wurde, sich an der gleichen Stelle befand wie der noch bestehende Neubau von 1594/95. Die Dimensionen dürften allerdings bescheidener gewesen sein, sodass mit einem ursprünglich größeren Platz vor dem Rathaus zu rechnen ist.

Es ist bezeichnend, dass man beim Neubau des Rathauses im Erdgeschoss vier Läden einbaute, die zur Vermietung vorgesehen waren. Es ist dies die gleiche Situation wie beim Römer in Frankfurt, wo die Römerhallen im Erdgeschoss während der Messezeiten ebenfalls als Warenlager vermietet wurden.

Das Rathaus war der Ort der Politik, der Kommunikation und des Warenaustausches. Es spricht nichts dagegen, den ersten Marktplatz in Höchst beim Rathaus anzunehmen, zumal hier auch die Nähe zum Maintor am Schlossplatz und zur Hauptstraße gegeben war. Auch im Mittelalter liebte man im Wirtschaftsleben die kurzen Wege zu zentralen Orten.

Historische Postkarte. Zu sehen ist der alte Höchster Marktplatz vor dem 1. Weltkrieg mit Marktständen auf der ehemaligen Hauptstrasse, der heutigen Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst. Exemplar im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e.V. Frankfurt-Höchst.

Historische Postkarte um 1900: Der Markt in Höchst in der Hauptstraße, der heutigen Bolongarostraße. Viele Häuser sind bis heute erhalten geblieben.

1923: Der Wochenmarkt zieht um

Der „Horstmann'sche Garten“ im nördlichen Stadtgraben, vor der Umwandlung zum Höchster Marktplatz im Jahr 1923. Aufnahme vor 1890.

Der „Horstmann’sche Garten“ im nördlichen Stadtgraben, vor der Umwandlung zum Höchster Marktplatz im Jahr 1923. Aufnahme vor 1890.

Der Platz vor dem Antoniterkloster blieb bis ins 20. Jahrhundert der Marktplatz von Höchst. Was jedoch in früheren Jahrhunderten kein Problem darstellte, wandelte sich, als sich die Stadt Höchst zwischen 1873 und 1914 in rasantem Tempo industrialisierte, zu einem Verkehrshindernis. Noch immer war die Mainzer Landstraße, in Höchst die Hauptstraße und heutige Bolongarostraße, eine der wichtigsten Ost-West-Straßen im mittleren Deutschland. Der gesamte Verkehr von Frankfurt zum Rhein lief über diese Straße und den Höchster Wochenmarkt.

Schon vor dem 1. Weltkrieg dachte man über eine verbesserte Raumplanung in der Stadt nach. Mit Vermessungsrat Carl Rohleder gewann die Stadt Höchst auch einen exzellenten Fachmann. Der Ausbruch und der Verlauf des 1. Weltkrieges verhinderten jedoch alle Maßnahmen zur Behebung des Problems.

Ab 1920 kam es zu intensiven Diskussionen innerhalb der Höchster Stadtverwaltung und der Stadt Höchst über die Verlegung des Marktes. Anfangs war nur klar, dass er keinesfalls am bisherigen Ort verbleiben konnte. Neben der Schwierigkeit, einen neuen Platz für den Wochenmarkt zu finden, spielten zwischen 1920 und 1923 die Inflation und die Geldknappheit als Investitionshindernis eine entscheidende Rolle. Auch mussten die Bedürfnisse der französischen Besatzungsmacht berücksichtigt werden.

So kam es erst 1923 zu einer Entscheidung, die allerdings zumindest von Seiten der Stadtverwaltung als Übergangslösung angesehen wurde. Im Norden der Altstadt wurde im Bereich des so genannten „Horstmannschen Gartens“, einer Freifläche auf dem Areal des ehemaligen Stadtgrabens, die zwischenzeitlich Teil des als Grünanlage gestalteten Stadtgartens geworden war, ein neuer Marktplatz angelegt. Auf diesem neuen Marktplatz wurde am 23. November 1923 erstmals der Wochenmarkt abgehalten.

Die Baumbepflanzung des bisherigen Stadtgartens konnte an den Rändern beibehalten werden, während auf den Grünflächen nun ein weiter Platz für eine große Zahl von Marktständen entstand.

Plan des Vermessungsrates Rohleder zur Anlage eines Marktplatzes mit Markthalle zwischen Kronberger Haus und Wed, 1924. Damit wären große Teile der heutigen Altstadt abgerissen worden.

Abrisspläne von 1924, die zum Glück nicht umgesetzt worden sind.

Große Pläne für die Altstadt

Der neue Marktplatz bot den Marktbeschickern abseits des Straßenverkehrs endlich den dringend benötigten Freiraum. Über eine Markthalle für Fleisch- und Frischwaren verfügte er jedoch nicht. Diese sollte nach den Vorstellungen Carl Rohleders jedoch bald folgen.

Die Pläne lagen schon in der Schublade. Es waren geradezu abenteuerliche Pläne. Die historische Altstadt von Höchst galt ihm nichts, angesichts der damaligen hygienischen Verhältnisse zumindest im Ansatz verständlich. Rohleder plante, die gesamte Altstadt zwischen Bolongarostraße und den Scheunen am „Brand“, zwischen „Wed“ und Albanusstraße abzureißen und an dieser Stelle eine große, von Arkaden gesäumte Prachtstraße, welche auf einen (Markt)platz zuführen sollte, zu bauen.

Am Ende dieser Straße sollte auf dem Gelände des Kronberger Hauses eine repräsentative Markthalle entstehen, was die begründete Vermutung zulässt, dass auch der Platz davor für Marktzwecke vorgesehen war. Das Ganze erinnerte eher an ein Gauforum einer etwas späteren und sehr viel schlimmeren Zeit, als dass man es als ein Musterbeispiel moderner Stadtplanung ansehen möchte.

Der Rückgang der Steuereinnahmen der Stadt Höchst nach der Gründung der I.G. Farbenindustrie AG 1925, der langwierige und teure Erwerb der benötigten Grundstücke und der heraufziehende Schatten der Eingemeindungsverhandlungen mit Frankfurt am Main ließen dieses Vorhaben zum Glück nicht mehr zur Ausführung kommen. Die Verhandlungen im Rahmen der Eingemeindung nach Frankfurt sollten andere Möglichkeiten eröffnen, die dringend benötigte Markthalle Wirklichkeit werden zu lassen.

1928: Frankfurt verspricht eine Markthalle

Die Höchster Stadtväter gingen selbstbewusst in die Verhandlungen mit dem großen und wenig geliebten Nachbarn. Ihre Forderungen gipfelten in einem „Kommunalen Programm der Stadt Höchst a.M.“, das von der Stadt Frankfurt im Eingemeindungsvertrag akzeptiert und mit dem Gesetz des preußischen Landtages vom 31. März 1928 Recht und Gesetz wurde. In diesem Kommunalen Programm wurde die Stadt Frankfurt verpflichtet, „den Markt weiter auszugestalten, für Sindlingen-Zeilsheim neu zu schaffen“, außerdem eine „Kleinhandelsmarkthalle binnen 5 Jahren zu erbauen im Rahmen der notwendigen Bedürfnisse“.

Der seit mehr als 500 Jahren bestehende Wochenmarkt hatte bei den scheidenden Höchster Stadtvätern noch immer höchste Priorität. Die Weltwirtschaftskrise, die veränderten Ziele der Machthaber im 3. Reich, der 2. Weltkrieg und die Not der Nachkriegszeit ließen diese Pläne einstweilen zu Makulatur werden.

1927 Abriss des Porzellanhofs am Marktplatz, hier wurde das Höchster Porzellan gebrannt. © Sammlung Heinrich Bauer.

Von der Markthalle noch keine Spur. Aufgenommen zwischen 1920 und 1930 – unverkennbar in der Vorweihnachtszeit. Die Markthalle wurde übrigens erst 1955 erbaut. © Sammlung Heinrich Bauer.

Der „Wempe-Tempel“ – ein Toilettenhäuschen mit toskanisch anmutender Säulenfront. Erbaut von Dr. Ing. Paul Wempe, in den 1920ern Stadtbaurat in Höchst. Im Hintergrund die Evangelische Stadtkirche. © Sammlung Heinrich Bauer.

Der Marktplatz als politische Bühne

Aufmarsch der NSDAP um 1935 zu einer Kundgebung auf dem Höchster Marktplatz.

Aufmarsch der NSDAP bei einer Kundgebung auf dem Höchster Marktplatz. Die gleichzeitige Präsenz mehrerer Standarten, die aufwendig gestaltete Rednertribüne und die angetretenen Uniformierten sprechen für eine größere, möglicherweise überörtliche Parteiveranstaltung zwischen 1933 und 1938. Das genaue Aufnahmedatum und der Anlass der Veranstaltung sind bislang nicht ermittelt. © Bild im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e. V., Frankfurt-Höchst. Bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Sammlung Heinrich Bauer.

Das Nazi-Regime wusste, wie auch die anderen Parteien und die Gewerkschaften, die große Freifläche des Höchster Marktplatzes im Zentrum der Stadt auf seine Weise zu nutzen. Er wurde zum idealen Ort für politische Kundgebungen aller Art. Von den Zwanziger- bis in die Fünfzigerjahre tönten politische Parolen aller Couleur über den Höchster Marktplatz.

Von 1933 bis 1945 allerdings beanspruchten die Nationalsozialisten den Höchster Marktplatz für sich allein. Alle anderen Parteien und Organisationen waren verboten bzw. „gleichgeschaltet“.

Nicht wenige Kundgebungen im 3. Reich fanden bis zu deren Zerstörung am 9. November 1938 vor der am Marktplatz gelegenen Synagoge der jüdischen Gemeinde statt. Sie war erst im Dezember 1905 unter der Anteilnahme der ganzen Stadt eingeweiht worden und sollte das 3. Reich nicht überdauern. Der Kriegsbunker am Marktplatz bezeichnet heute ihre Stelle.

Anmerkung: Wir zeigen diese historischen Bilddokumente aus der Sammlung Heinrich Bauer für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Bei einer Veröffentlichung bitte den historischen Zusammenhang erläutern und den Bildnachweis nennen. Die Bereitstellung seitens des Geschichtsvereins ist keine Verherrlichung der dargestellten Organisationen oder ihrer Ideologie.

Der Aufmarsch der NSDAP auf dem Höchster Marktplatz – mit Rednerpult vor der Kreissparkasse, im Hintergrund rechts ist die Höchster Synagoge zu sehen. Sie wurde im November 1938 in der Reichsprognomnacht zerstört. © Bilder im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e. V., Frankfurt-Höchst. Bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Sammlung Heinrich Bauer.

Ein Aufmarsch der NSDAP auf dem Höchster Marktplatz, der Anlass ist bislang unbekannt. Hier mit Blick auf die Melchiorstraße im Hintergrund. © Bilder im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e. V., Frankfurt-Höchst. Bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Sammlung Heinrich Bauer.

Auch die Schutzpolizei war bei der NSDAP-Veranstaltung auf dem Höchster Marktplatz mit dabei. Im Hintergrund die Vorderfront der Synagoge. © Bilder im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde e. V., Frankfurt-Höchst. Bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Sammlung Heinrich Bauer.

Ein neuer Platz für den Brüningbrunnen

1938 erlebte der Höchster Marktplatz noch eine unpolitische Veränderung. Der 1910 auf dem Höchster Schlossplatz errichtete Brüningbrunnen wurde dort schon seit langem als ein zu groß dimensioniertes Gebilde empfunden. Die einfache Beseitigung verbot sich, da die Familie von Brüning, eine der „Gründerfamilien“ der Farbwerke, auch die Stadt Höchst mit vielen Wohltaten bedacht hatte. Man versetzte deshalb im Sommer 1938 den Brunnen vom Schlossplatz auf den Höchster Marktplatz. Der Brunnen ziert noch heute die Nordostecke des Höchster Marktplatzes.

Die Höchster Feuerwehr übt einen Feuerwehreinsatz am Gebäude der Stadtsparkasse am Ettinghausenplatz. Im Hintergrund zu sehen der Brüningbrunnen, der vormals auf dem Höchster Schlossplatz stand.

Bei einer Feuerlöschübung der Höchster Feuerwehr ist im Hintergrund der Brüningbrunnen zu sehen. © Sammlung Heinrich Bauer.

1955: Das lange Warten auf die Markthalle endet

Der Höchster Marktplatz mit der ehemaligen Stadtsparkasse, die 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Im Vordergrund ein spazierendes Paar sowie ein SPD-Wahlplakat von Anfang der Sechziger Jahre.

100-jähriges Jubiläum der Stadtsparkasse am Höchster Marktplatz – und die SPD wirbt „Frankfurt geht mit der SPD“. Aufnahme um 1960 © Sammlung Alfred E. Wagner

Als mit der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 die ärgste Not der Nachkriegszeit ein Ende hatte, begannen sich auch in Höchst die Menschen daran zu erinnern, was ihnen im Eingemeindungsvertrag mit Frankfurt 1928 versprochen worden war. Die seit 20 Jahren unerfüllten Zusagen aus dem Kommunalen Programm führten Anfang der Fünfzigerjahre in Höchst zu einer Bewegung, die Frankfurt sehr entschieden an die im Eingemeindungsvertrag festgehaltenen Leistungen erinnerte. Man drohte mit der Ausgemeindung, sollten diese gerechtfertigten Forderungen verweigert werden

Der tatkräftige und auch in Höchst sehr beliebte Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb, der durch seinen Wohnsitz im Höchster Bolongaropalast die gegen Frankfurt gerichtete Stimmung der Bevölkerung unmittelbar vor seiner Haustür mitbekam, reagierte schnell und entschieden. Zusammen mit dem Straßenbahnanschluss und einem Hallenbad erhielt der Stadtteil am Höchster Marktplatz auch die 1928 zugesagte Markthalle.

Am 15. November 1955 wurde sie zusammen mit dem Hallenbad von Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb feierlich eingeweiht. Man feierte in diesem Jahr zugleich den 600. Jahrestag der Erhebung des Dorfes Höchst zur Stadt.

Ein Treffpunkt im Wandel der Zeit

Februar 1972: Der Höchster Marktplatz als öffentlicher Parkplatz an marktfreien Tagen.

Der Höchster Marktplatz als öffentlicher Parkplatz. Aufnahme von 1972. © Sammlung Alfred E. Wagner

Damit hatte der Höchster Markt im Wesentlichen den Zustand erreicht, in dem er sich noch heute befindet. Natürlich gab es weiterhin Veränderungen. Die schnelle Motorisierung der Nachkriegszeit ließ zwischen den Markttagen auch den Höchster Marktplatz zum Parkplatz werden. Auch das hat sich bis heute nicht verändert.

Zwischenzeitlich gab es große Pläne für den Bau einer Tiefgarage und eine damit verbundene Neugestaltung des Höchster Marktplatzes. Der Geldmangel in den kommunalen Kassen ließ auch dieses Großprojekt nicht über ein erstes Stadium der Planung hinausgelangen. 1981 feierte man das 625-jährige Jubiläum des Höchster Wochenmarktes.

Heute ist der Höchster Markt lebenskräftiger denn je: nicht allein der Ort für den Einkauf frischer Waren – Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch –, sondern auch ein Ort der Kommunikation, des Zusammentreffens und der Unterhaltung von Einwohnern aus Höchst und Umgebung. Der Höchster Wochenmarkt geht gut gerüstet in die Zukunft.

Mai 2005

Dr. Wolfgang Metternich,
Verein für Geschichte und Altertumskunde e.V., ehemaliger Vorsitzender

Ergänzt mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen und weiteren Bildern aus unserem umfangreichen Archiv.